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Ich bin dann mal agil

Posted by Sabine Neuenschwander on 17.10.2018

Generelle Gedanken

Manchmal bin ich geneigt, die aktuelle Entwicklung von Agilität mit Ernährungstrends zu vergleichen. Man ist interessiert, probiert aus, will dazugehören, einem Trend nachgehen und ist – aus welchen Motiven auch immer – überzeugt, dass im «neuen» Leben alles gesünder, besser, kräftiger oder halt agilier ist.

Nun die ersten Stolpersteine kommen bestimmt – sei dies in Form eines saftigen Steaks, eines Desserts mit extra Rahm oder einer agilen Herausforderung, beispielsweise in Form einer oder mehrerer Grundwerte von Scrum. Exemplarisch der Wert: «Offenheit»

Wie offen sind wir beispielsweise, am Freitagabend zuzugeben, dass vereinbarte Ziele bei weitem nicht erreicht sind; dies, obwohl wir uns doch persönlich dazu commited haben? Ist uns unser Wochenende doch nicht plötzlich wichtiger, als der Fokus auf unser Comittment zu legen und am Wochenende eine Extra Schicht einzulegen? Haben wir den Mut, die Kollegen direkt anzusprechen, dass wir als gesamtes Team und nicht als Einzelperson unser Commitment nicht erreicht haben und somit auch als Team eine Extrarunde laufen (sollte).

Scrum ist Teamarbeit. Für eine effektive Zusammenarbeit ist gegenseitiger Respekt eine Grundvoraussetzung. Das bedeutet schon mal, das eigene Licht unter den Scheffel zu stellen, auch in Momenten wo gerade mir, mir und niemand anderes als mir beim wichtigsten Kunden der absolute Durchbruch gelungen ist?

Wie oft geht grade in solchen Momenten vergessen, wie sehr die Teamkollegen doch zu diesem Meilenstein beigetragen haben. Niemand von uns ist von einem durchbrennenden Ego gefeit.

Bild 1: Scrum Werte

Bild 1: Scrum Werte

 

 

Modul personal Agility

Besonders aufgefallen sind mir neben vielen interessanten Grundlagen folgende Punkte:

Wir brauchen ein Tool

Oder besser zwei! In jedem Fall mit bunten Burndown-Charts und Kuchendiagrammen, die genau unseren Wochenflow zeigen. Am Ende der Woche fragen wir uns dann, warum ein wesentlicher Teil unserer geplanten Aufgaben – und somit unseres persönlichen Commitments – nicht erfüllt sind.

Naja, a fool with a tool is still a fool. Irgendwas ist wohl beim Thema persönlicher Fokus daneben gegangen. Und spotten wir nicht des öftern über «bunte Bilder für blöde Manager» in Wasserfallprojekten?

Die Aussenwelt

Sowohl das happy Scrum Team (warum es auch immer als happy bezeichnet wird), sowie für meine persönlichen Agilitätsbestrebungen ist die Aussenwelt ein Störfaktor.

Die Stakeholder haben viele Gesichter; sind es für das happy Scrum Team beispielsweise Manager, Kunden, Reklamationen oder Betriebsissues, sind es für mich Themen wie die Schwiegermutter, der Lebenspartner oder die Hausaufgaben. All diese Fremdeinflüsse können das zarte agile Pflänzchen ganz schnell aus dem Gleichgewicht bringen.

Fokus ist somit auch hier gefragt und wie gerne vergessen wir das Stakeholdermanagment. Dummerweise lebt sowohl ein Scrum Team, wie auch ein einzelnes, agiles Individuum im Kontakt zu einer – nicht immer angenehmen – Aussenwelt. 

Die Innensicht

Für das happy Scrum Team ist es selbstverständlich sich in regelmässigen Abständen in Rahmen der Retrospektive zu hinterfragen und unter dem Slogan «dauerhaftes Lernen» sich zu verbessern.

Etwas weniger selbstverständlich ist es, sich regelmässig an der eigenen Nase zu nehmen und vor der eigenen Haustüre zu kehren. Warum machen wir in der Regel keine wöchentliche, persönliche Retrosperspektive?

Gewaltfrei in der Kommunikation und mit Teamkollegen

Eigentlich wissen wir es doch alle. Wir sollten mehr zuhören als reden, unser Gegenüber ausreden lassen, «ich Botschaften» verfassen, unser Gegenüber respektieren und andere Meinungen wohlwollend zur Kenntnis nehmen.

Nun ja, wie oft geht in hektischen Momenten das Temperament mit uns durch? Verteidigen wir unseren Standpunkt emotional und vergessen wir dabei die Sachlichkeit?

Und ewig grüsst das Murmeltier

Tauchen Stress, Krankheit oder sonst eine ungeplante Situation auf, ist die Gefahr gross, wieder ins bekannte alte Fahrwasser zu fallen. Was uns als Individuum passiert, kann natürlich auch das Scrum Team aus seiner Glückseligkeit bringen. Schliesslich ist auch ein Scrum Team nur ein Verbund von Individuen. Und wenn mindestens eines klar ist; in den meisten Firmen kommt die nächste Reorganisation bestimmt und spätestens dann wird das agile «Pflänzchen» wieder auf eine harte Probe gestellt.

Fazit

Agilität ist knallharte Arbeit. In einem ersten, wahrscheinlich nie endenden Schritt an sich selber und der persönlichen Weiterentwicklung, wie auch im Team. Agilität stellt hohe Anforderungen an jeden einzelnen und zwar insbesondere im menschlichen Umgang. Somit ist Agilität (und damit auch Scrum) in guten Zeiten bestimmt eher im «happy mode» anzusiedeln. Bekanntlich lernt man aber Menschen erst in schlechten Zeiten besser kennen. Dann kann es ganz rasch anspruchsvoll werden. Ganz egal ob klassisch oder agil, seine Teamkollegen oder bei sich selbst. Der Mensch bleibt Mensch. Unabhängig von seiner Entwicklungsstufe.

Quellenangaben:

Bild 1: http://chaosverbesserer.de/blog/2017/02/12/die-5-werte-von-scrum/

One Response to “Ich bin dann mal agil”

  1.   David Berger Says:

    Mir gefällt das Resümee, Agilität ist “knallharte Arbeit”. Ich empfinde den agilen Alltag als sehr streng, diszipliniert; sehr fordernd und selbstkritisch. Manchmal vermisse ich geradezu die “unbeschwerten” und “unreflektierten” Phasen meiner vergangenen beruflichen Karriere. Aber nur für einige Sekunden, denn die Vorteile aus der agile Zusammenarbeit wiederum verzaubern mich. Sie sind magisch. Hässlicher sind Menschen – wie du anfügst – unter Spannungen. Dann ist es unerheblich, ob agil oder nicht.

    Vielen Dank für die breite Zusammenfassung. Ist abgenommen.