CAS Agile Organisation

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Muss es denn immer agil sein?

Posted by Cindy Wittmer on 30.11.2019

In dem Modul Organizational Agility gab es einen Punkt, der mich zum Nachdenken gebracht hat. Bisher war bei mir (und wahrscheinlich auch bei vielen Menschen in meiner Unternehmung) die Meinung präsent, dass agiles Projektmanagement immer passend ist. Erst in diesem Modul ist mir klar geworden, dass andere Projektmethoden durchaus Daseinsberechtigung haben und nicht ausgemerzt werden müssen. Um diesen Gedanken noch ein bisschen mehr Reifen zu lassen, überlege ich mir in diesem Blogg, welche Projekte mit welchen Methoden durchgeführt werden sollen. Als Grundlage verwende ich diese Grafik aus dem Unterricht.

Neue Märkte

Die Bank in der ich arbeite, ist bekannt dafür, dass sie immer wieder versucht neue Märkte zu erschliessen. So ist sie auf fast allen Kontinenten vertreten und hat für verschiedene Kulturen massgeschneiderte Produkte. In China waren sie die ersten mit einer Bankenlizenz. Auch heute gehört es immer noch zur Strategie neue Märkte zu erschliessen. Dazu werden neue Hubs errichtet oder kleinere Banken aufgekauft. Ein spannender Prozess, der erstmals sicher an dem „klassischen“ Projektmanagement vorbei geht. Da dieser Prozess immer wieder von neuem startet, wäre eine Methode wie bspw. Lean Innovation sicher sinnvoll, um die Verschwendung minimal zu halten und möglichst schnell am Markt zu sein. Ob meine Bank solche Methoden anwendet erzieht sich meiner Kenntnis.

Zweckmässigere Lösung

Aktuell ist Digitalisierung hoch im Kurs und auch in der Strategie festgehalten. Dem Kunden sollen neue Wege zur Kommunikation mit dem Kunden zur Verfügung gestellt werden. Ob per Chat oder Videotelefon oder durch die Nutzung speziell zugeschnittener Tools, alle Kanäle sollen für Kunden auf der ganzen Welt geöffnet werden – und das natürlich immer mit den Sicherheitsbestimmungen der Bank und des Gesetzgebers. Zur Erweiterung des Produkteangebots werden Tools entwickelt, mit dem in 5 Minuten strukturierte Produkt kreiert werden können. Solche Projekte können von der Agilität profitieren. Durch die schnellen Zyklen und das schnelle Feedback kann die Bank auf neue Trends reagieren. Schnelle erste nutzbare Lieferungen können testweise bei Kunden ausprobiert werden und das wertvolle Feedback des Kundenberaters sowie des Kunden kann eingearbeitet werden. Einige dieser Projekte werden tatsächlich agil umgesetzt. Hier scheint die Bank das Potential erkannt zu haben. Aber der Durchbruch wurde noch nicht geschafft.

Zweckmässigere Lösungen

Ich denke, viele regulatorische Projekte gehen in diese Kategorie. Mit der Umsetzung von regulatorischen Anforderungen verdient die Bank kein Geld, aber sie kann hohe Bussen vermeiden. Deshalb ist es wichtig, dass die Anforderungen korrekt umgesetzt werden, aber ein frühes Feedback ist nicht notwendig. Warum braucht’s trotzdem eine agile Komponente? Weil Gesetze meistens erst kurz vor dem Einführungstermin definitiv sind und laufend den Änderungen angepasst werden. Mein jetziges Projekt hat bspw. Einführungstermin 1.2.2020 und wir entwickeln im Moment nur auf Annahmen, weil sich die Bankiervereinigung nicht mit dem Regulator einigen kann. Deshalb mussten wir mit dem Provider eine Vorgehensweise finden, mit dieser Situation umzugehen. Wir haben nun die Möglichkeit, wenn nötig bis im Januar noch Anpassungen vorzunehmen. Ohne agile Strukturen (nicht unbedingt Methode) können solche Situationen nicht bewältigt werden.

Tauglichere Lösungen

Neben den oben erwähnten regulatorischen Projekten gibt es auch oft fixe Vorgaben wie bspw. die Besteuerung von Produkten. Das Land XY gibt vor, dass jede Transaktion mit 2% besteuert werden muss. Solche Vorgaben sind meistens fix und ändern nicht mehr. In solchen Fällen reicht das Wasserfallmodell aus. Legal/Compliance gibt vor, was besteuert werden soll und in den Systemen wird umgesetzt. Meistens sind die Umsetzungen zwar dennoch sehr komplex, da Daten aus den verschiedensten Systemen zusammengefasst werden müssen. Deshalb ist es gut, doch eine agile Komponente zu haben, damit man auf unerwartete Situationen wie bspw. eine vergessene Systemkomponente schnell reagieren kann.

Regelkonforme Lösung

Die Abgrenzung zwischen tauglichen und regelkonformen Lösungen finde ich schwierig. Es sind wohl Projekte gemeint, bei denen die Umsetzung nachvollziehbar nach bestimmten Anforderungen umgesetzt werden muss. Die daraus folgenden Prozesse sind meistens einfach und können automatisiert getestet werden. Die Einführung einer neuen Verarbeitungsmöglichkeit für Zahlungsaufträge würde ich in diese Kategorie fallen lassen. Der Prozess ist einfach und überblickbar, aber er muss alle möglichen Varianten abdecken. Diese sind aber im Vornherein bekannt. Bei uns werden solche Projekte immer nach dem Wasserfallprinzip umgesetzt. Das scheint auch sinnvoll zu sein.

Schnelle Umsetzung

Die schnellen Umsetzung sind die kleinen Änderungen an den Systemen und relativ häufig. Oft wird nicht mal ein Projekt lanciert. Der Businessvertreter erklärt was er möchte und der verantwortliche Entwickler setzt es um. Hier würde man mit einer grossen Projektorganisation wohl mit Kanonen auf Spatzen schiessen.

Fazit: Meine Bank grenzt die Methoden also tatsächlich ab. In der zweiten Kategorie wäre wohl am Meisten „Room for improvement“. Leider ist im Moment das Management noch nicht bereit für „agil“ (Aussage eines Managers). Als Projektmitarbeiterin ist dieser innere Kampf stark spürbar. Agile Projekte werden meistens völlig losgelöst von der Organisationsstruktur aufgestellt, damit sie eine Chance haben und von den internen Machtkämpfen verschont bleiben. Dieser Umgang ist im Moment zweckmässig, mich würde es aber freuen, wenn agile Projekte wie selbstverständlich in der Unternehmung eingebettet werden könnten.